Spitzbergen- alias Svalbard

Spitzbergen- alias Svalbard
Hallo meine Lieben,
dank Claras Rundmail im April bin ich nun schon seit fast drei Wochen auf der arktischen Insel, Spitzbergen . Ich weiß, dass viele von uns das Angebot hier den Sommer über als Wanderguide zu arbeiten mehr als gerne wahrgenommen hätten, der Zeit aber mit Klausuren oder Arbeiten beschäftigt sind. Damit ihr alle trotzdem ein bisschen daran teilhaben könnt und ich schon mal auf eure nächste Uni/Arbeitsfreie Zeit freuen könnt, hier der erste kleine Bericht aus dem hohen Norden. (Und nur zur Beruhigung auch ich beginne im Oktober mit der Uni und spätestens dann hat es ein Ende mit der Reiserei und ich werde eure Blogs lesen).
Es 00:00 die Sonne scheint durch die Fenster des Campingplatzgebäudes in meinen Rücken und fühlt sich hier drin herrlich warm an. Die Betonung liegt auf drin =) Das sommerliche arktische Klima liegt tagsüber zwischen 2-9 Grad, kombiniert mit dauerhaftem Wind und ist für mich als Frostbeule sicherlich die größte Herausforderung hier oben. Schaue ich aus dem Fenster blicke ich direkt auf den Isfjorden, Eisfjord, mit all seinen Gletschern und spitzen Bergen welche der Insel ihren Namen gegeben haben. Es ist ein atemberaubender Anblick der sich, wie ich finde, am besten von drinnen genießen lässt. Trotz allem wird es auch in der Arktis Sommer und so lässt es sich bei Windstille und Sonnenschein durchaus auch mal ohne Jacke wandern. Der letzte Schnee in den Tälern schmilzt und verwandelt trockene Böden in kaum durchquerbare Morastfelder und Flüsse, bringt aber auch die ersten Blumen und Gräser hervor. Flora und Fauna müssen das wärmere Klima optimal nutzen um Energie für den langanhaltenden Winter zu nutzen, welcher bereits wieder Mitte September beginnt.
In den vergangen Wochen haben die anderen Guides und ich die Einführungsphase durchlaufen, welche uns auf die Arbeit mit den Gästen vorbereiten soll. Insgesamt sind wir ein sechsköpfiges bunt zusammengewürfeltes Team .Da wäre einmal ein holländisches Pärchen (Mitte 20) die ihren gesamten Jahresurlaub hier verbringen, ein deutsches Pärchen aus Hamburg (20) die wie ich kurz vor dem Studium stehen, ein 63 jähriger Schweizer- mit Abstand der fitteste von uns- und ich. In den letzten Wochen haben wir uns intensiv mit der Flora, Fauna, Geografie, Geologie und der Geschichte der Insel auseinander gesetzt. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so viel Gefallen an diesen Themen finden würde, aber wenn man es auf einmal persönlich mit Permafrostböden, Gletscherspalten, Kohlekraftwerken oder seltenen Vögeln zu tun hat, ist es doch sehr viel aufregender als in jedem Reiseführer. Zur Freude meines besonders gut ausgeprägten Orientierungssinns ; ) wird das höchste Gewächs hier nur 30cm hoch und der höchste Baum sogar nur 5 cm. Wenn es also nicht gerade neblig ist, kann man sich anhand der Karte meist gut orientieren. Distanzen mit bloßem Auge einzuschätzen fällt aufgrund der ausgedehnten Landschaft eher schwer und so scheinen die meisten Ziele viel näher als sie in Wirklichkeit sind. Das kann manchmal zu sehr langen Wanderungen führen, wobei unser Rekord bei 14h liegt, aber zum größten Teil ohne Gepäck. Nachts ist das Wetter hier meist besser und so kommt es nicht selten vor, dass wir unsere Tages oder Mehrtagestouren erst gegen Abend beginnen und dann die ganze Nacht durchwandern. Das Licht gibt einem eine unbegrenzte Freiheit sich die Zeit beliebig einzuteilen und man kann ungestört nachts sein Buch lesen, ohne jemanden mit der Taschenlampe vom Schlafen abzuhalten.
Der Eisbär ist hier oben, trotz seiner sehr seltenen Anwesenheit trotzdem ein dauerhaftes Thema. Auch wenn es nicht allzu häufig vorkommt gibt es doch immer wieder Eisbären im Landesinnern oder an der Küste, die in Menschen durchaus ein gefundenes Fressen finden/gefunden haben. Es ist daher auch tagsüber unabdingbar beim Verlassen der Stadt ein Gewehr mit sich zu tragen. In den ersten Tagen haben wir deshalb ein Schießtraining gehabt, welches selbst ich mehr oder minder gut absolviert habe .Die einzige davon getragene Verletzung war der durch den Rückschlag verursachte blaue Fleck an meiner Schulter ; )Einen Eisbären darf man allerdings erst schießen, wenn alle anderen Möglichkeiten ihn zu vertreiben ausgeschöpft sind (z.B. Signalpistole) und er näher als 30m ist. Bleibt zu hoffen, dass ich in einer solchen Gefahrensituation 30m noch abschätzen kann.
Spitzbergen ist aber natürlich längst nicht so abgeschieden und einsam wie man sich einen der nördlichsten Orte der Welt vorstellt. In der Hauptstadt Longyearbyen, welche 1906 zwecks des Kohleabbaus gegründet wurde, gibt es einen Supermarkt, ein kleines Shoppingcenter, einen gratis Second-Hand-Laden, mehre Kleidungsgeschäfte und ganze vier Bars. Eine davon bietet die zweitgrößte Spirituosenauswahl Europas, vorher kommt nur noch eine Bar in Stockholm. Da Spitzbergen unter norwegischer Souveränität steht gelten hier auch norwegische „Bargesetze“ und so habe ich nicht schlecht gestaunt als mir die Barkeeperin um Punkt 2:30 das halb volle Glas aus der Hand genommen hat. Von den Preisen her ist Spitzbergen zwar teuer aber aufgrund der Steuerfreiheit in vielem um einiges billiger als Norwegen. So kostet hier das billigste Bier circa 1,20 Euro pro Dose (0.5l). Frischwaren und Post müssen aber extra eingeflogen werden und haben ihren Preis, so kosten 00 Gramm Joghurt schlappe 5 Euro.
Besonders spannend an Spitzbergen sind die Leute. Man trifft hier wirklich auf alles und jeden, vom Pfadfinder, über den Geologen der schon seit 20 Jahren hier wohnt über den Kreuzfahrtschifftouristen bis hin zum Künstler, Menschen aller Nationen. Spitzbergen gewährt jedem Bürger, unabhängig der Nationalität, ein Aufenthalts- und Arbeitsrecht und ist vllt. ein kleines und wie ich finde sehr schönes Beispiel einer wirklich „geeinten“ Welt.
Viele Leute kommen nur für einige Monate oder Wochen, sowie ich und es ist daher nicht schwer neue Leute kennenzulernen. Da wir aber auf dem einzigen Campingplatz der Insel wohnen sind es vom Zelt bis zur Stadt circa 5km. Wenn man kein Fahrrad hat, das man nie anschließen muss, findet man meist jemand freundliches der einen mitnimmt.
Unsere Einführungsphase endet morgen und je nachdem wie viel Arbeit es gibt, bleibe ich entweder bis zum 24.Juli oder komme schon vorher nach Hause. Eine kleine Tour habe ich allerdings schon hinter mir, eine Busrundfahrt durch Longyearbyen. Ein Bus voller deutscher Rentner die mit dem schönen Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff“ ein paar Tage in die Arktis schippern. Es hat tatsächlich Spaß gemacht die Herrschaften mit meinem Wissen über Stadt und Insel zu berieseln- viel Information in kurzer Zeit war ja schon immer meine Stärke und auch mein Humor scheint anscheinend genau richtig für diese Alterklasse zu sein.
Inzwischen habe ich mich sehr gut im Nebel und gefühlten deutschen Herbst eingelebt und kann mir kaum vorstellen, dass bei euch gerade Sommer ist. Ich freue mich aber trotzdem sehr auf wärmere Temperaturen und hoffe ihr genießt die schönen Tage doppelt für mich mit, sowie ich die schöne Aussicht, Natur, Ruhe und Freiheit für euch genieße.
Viele arktische Grüße und bis bald.

Stephi