Zwei Monate Indien

Zwei Monate Indien

Nach Langem gibt es auch wieder Neuigkeiten aus Indien. In den letzten Wochen ist so viel passiert, dass ich es gar nicht in Worte fassen kann, vieles davon ist aber auch schon Alltag geworden, sodass es mir vllt gar nicht mehr auffaellt und ich es deshalb vergesse zu erwaehnen.

Wo war ich stehengeblieben:
Ich bin nach wie vor im Carmel Vocational Training Institute, was mir an manchen Tagen sehr gut gefaellt und es micht nicht haette besser treffen koennen und mich gleichzeitig an anderen Tagen auch an meine persoenlichen Grenzen (ideell gesehen), aber dazu spaeter mehr.
Vorab, mein Laptop hat die vielen Stromausfaelle leider nicht unbeschadet ueberstanden und so kommt es, dass das mit dem Fotos hochladen wahrscheinlich noch ein bisschen dauern wird, da unser Schulcomputer dafuer zu langsam ist.

Was meinen Unterricht betrifft so kann ich sagen, dass ich langsam ein System entwickelt habe was von spoken English, ueber Wochendiktate bis hin zu Grammatikunterricht reicht. Es macht auf jeden Fall Spass, aber wenn man sechs Stunden pro Tag Grammatik erklaert und dann noch 50 Diktate korrigieren muss, wobei die Fehlerquote ungefaehr der Anzahl der Woerter entspricht, hat man doch einiges zu tun.
Das ganze muss ja auch noch vorbereitet werden. Umso gluecklicher macht es mich, dass jetzt endlich Verstaerkung kommt.
Henriette, die auch auf den Fotos aus meinem ersten Eintrag zu sehen ist, wechselt ihr Projekt und kommt aus der Grossstadt, Bangalore zu mir in den Norden Karnatakas ach Bidar.
Auch wenn ich hier alleine sehr gut zurechtkomme, wird es abgesehen von der netten Gesellschaft, so viel einfacher den Unterricht vorzubereiten und man kann all die Ideen die noch in meinem Kopf rumschwirren, einfach viel schneller verwirklichen.

Abgesehen vom Englischunterricht, habe ich die letzte Woche noch im Happy Hearts Holiday Camp mitgemacht. Bei diesem Camp kamen die Kinder der umliegenen Mittelstufen, also auch die die eine oeffentliche Schule besuchen, in ihre Ferien hier her um zu spielen, zu singen, zu lernen und zu basteln.
Den letzteren Part habe ich so gut es ging in meinem Freistunden uebernommen und den Kids das Armbandknuepfen beigebracht.
Das fand so grossen Anklang, dass es all die Lehrer auch gleich lernen wollten und diese sich ungeduldiger als die Kinder verhielten, was die Sache nicht gerade einfach machte.
Man muesste sich das einmal in Deutschland vorstellen: Anstelle von zehn Kindern die an einem zerren und etwas Neues lernen wollen, waren es sagen wir zwei Kinder aber zehn Erwachsene.
Diese, sagen wir etwas ungeduldige Mentalitaet, macht auch den Unterricht mit den Maedchen auesserst kompliziert. Wenn ich gerade einen Text korrigiere, haben sie keine Probleme damit mir den Stift aus der Hand zu reissen, an meinem Arm zu ziehen und so lange “Miss, Miss” zu rufen, bis ich ihnen Aufmerksamkeit schenke, wohlbemerkt sie sind zwischen 15 und 25.
Naja, auch wenn es vllt zur indischen Mentalitaet dazugehoeren mag, versuche ich gerade ihnen das abzugewoehnen, zum einen weil ich es sehr unhoeflich finde und zum anderen, weil ich sonst nicht unterrichten kann.
Am Ende des Ferienlagers gab es eine Auffuehrung und vom Tanztalent mancher Kleinen bin ich wirklich beeindruckt.

Seit Kurzem haben wir auch die Arbeit auf dem Feld hier aufgenommen und es macht wirklich unheimlich Spass in einer vollgepackten Riksha, also zu 16., zum Feld zu fahren und sich dort zwei Studen koerperlich zu betaetigen.
Leider kann ich nur machmal mit dabei sein, weil ich bis fuenf Unterricht habe, die Maedchen aber schon um vier losfahren.
Sonst habe jetzt ein Fahrrad und bei meiner ersten Tour durch die Doerfer wurde ich gleich zwei mal zum Chai, dem indischen Schwarztee mit mehr Zucker als Milch, eingeladen, sowie zum Zuckerrohr essen. Mein persoenlicher Begleiter ist Pava, er ist 12 und der einzige Junge hier im Maedchenhostel. Er spricht sehr gut Englisch, lacht sehr viel und herzlich und erklaert mir staendig Neues ueber Indien und Bidar. Man koennte ihn als meinen neuen besten Freund oder persoenlichen Guide bezeichnen.

Vor circa drei Wochen hatte ich eine ganze Woche frei, da Sister Christine den Englischunterricht gecancelt hat. Der Grund ist, dass die Maedchen untereinander Englisch sprechen sollen und da sie dies nicht getan haben war dies quasi ihre Bestrafung.
Ich sollte in der Zeit den Unterricht vorbereiten und habe ausserdem endlich das Naehen angefangen, was sich doch als durchaus schwierig erweist, mit diesen fussbetrieben Maschinen, also nicht elektrisch, aber nach und nach komme ich dahinter. Ausserdem habe ich mich sehr gut mit den Damen in der Schneiderei sowie dem Schneider angefreundet, und abgesehen von jeder Menge Armreifen die ich geschenkt bekam und Essen, habe ich auch gleich noch mein Cannada etwas aufgebessert da in der Schneiderei keiner Englisch spricht.
Das mit dem Cannada lernen erweist sich als auesserst schwierig, nicht unbedingt weil ich keine Grammatik habe, sondern weil hier wirklich vieles oder fast alles in Englisch ablaeuft, aber ich bleibe am Ball, denn fuer den Unterricht ist es mehr als nuetzlich.
Ab Januar steht dann Hindi auf dem Programm, weil das die indische Nationalsprache ist.
Ich habe jetzt auch meinen ersten eigenen Sari, das indische Gewand und er ist wirklich schoen. Davon abgesehen hat es alle sehr gluecklich gemacht, da Inder sich sehr freuen wenn man sich so indisch wie moeglich kleidet. Das ist auch der Grund warum ich jetzt jeden Tag den obligatorischen Modepunkt zwischen meine Augen klebe. Fotos werden auf jeden Fall nachgeliefert.

Ansonsten kann man sagen, dass ich hier wirklich das wahre Indien kennenlerne da ich etwas ausserhalb Bidars lebe und die meisten Menschen hier von der Landwirtschaft leben. Um mich herum waechst also Reis, es gibt jede Menge Kuhherden und andere Pfanzen und Tiere. Mit den Lehrerinnen in der Schule verstehe ich mich nach wie vor sehr gut und ich werde auch oefters mal zu ihnen nach Hause eingeladen, zum Mittag hmmm…
Inder sind wirklich auessterst gastfreundlich, ihre beste Eigenschaft ist allerdings, dass sie alles teilen. Sie teilen ihre Freude, ihre Zimmer, ihre Kleidung, ihre Probleme und vorallem ihr Essen. Der letzte Punkt freut mich natuerlich ganz besonders. So passiert es, dass wenn man in einen Bus steigt, und sich auf eine laengere Fahrt begibt, man quasi nichts zu Essen mitnehmen muss. Denn auch wenn man noch kein Wort mit seinem Sitznachbarn gewechselt hat, wird dieser einem 100 prozentig etwas von den Keksen abgeben die er gerade isst.
Gerne werden auch Nelken angebote, die so eine Art Kaugummiersatz sind, da Inder sehr viel Wert auf einen frischen Atem legen.
Frueher oder spaeter kommt man dann aber doch mit ihnen ins Gespraech und so habe ich jetzt schon einiges ueber Land und Leute erfahren, vorallem aber ueber Religionen.

So kommt es zum Beispiel, dass ich jetzt weiss, dass die meisten muslimischen Maedchen in Indien sehr stolz darauf sind, eine Burka zu tragen. Es ist eben das Zeichen ihrer Religion. Meine muslimischen Schuelerinnen haben mir sogar begeistert vorgeschlagen, ich solle doch auch mal eine tragen, die wuerde mir sehr gut stehen : )
Ausserdem haelt sie die Haut hell und schuetz vor der Sonne.
Inder sind so bestrebt weiss zu sein, dass sie sich jeden Tag so etwas wie Babypuder ins Gesicht schmieren, um die “edle Blaesse” zu erhalten.
Alsich ihnen erzaehlt habe, dass bei uns alle ins Solarium gehen, konnten sie das gar nicht nachvollziehen.
Was den Islam in Indien betrifft habe ich ausserdem erfahren, dass es hier auch unter Musilimen ein Kastensystem gibt. Was die Heiratsbedingungen betrifft ist es so, dass die zu verheiratenden Kinder der Oberschicht inzwischen so etwas wie ein Mitspracherecht erhalten haben. Das heisst sie koennen selber eine Frau oder einen Mann vorschlagen und wenn beide Familien damit einverstanden sind, wird die Hochzeit arrangiert.
Ich selbst bin evt. Im April auf einer indischen Hochzeit, allerdings wird diese nicht so pompoes ausfallen wie die der Oberschicht, da es sich um die Hochzeit einer meiner Schuelerinnen handelt. Sie wird im April mit gerade einmal 18 Jahren verheiratet. In den Doerfern ist das unter der armen bevoelkerung Gang und Gebe, viele die es koennen, beenden aber trotzdem erst die Schule, oder ihre Ausbildung.

Ich denke, das ist mehr als genug fuer den Anfang. Ich bin jedenfalls oft von diesem Land fasziniert und kann all das Erlebte, Neue gar nicht aufschreiben, da es definitiv zu viel ist.
Was das Reisen betrifft fahre ich am Wochenende oefters nach Hyderabad, auch Cyberabad genannt, und besuche einen Freund und treffe andere Freiwillige. Das indische Grossstadtleben kann auf jeden Fall eine gelungene Abwechslung sein und auch die deutsche Gesellschaft, da mir vorallem langsam das Essen anfaengt zu fehlen. Ueber Weihnachten und Sylvester fahre ich dann nach Goa, da mich Sister Christines Cousin dort auf seine Farm eingeladen hat. Ich freue mich unglaublich darauf.

Ich hoffe es geht euch gut, hier hat jetzt auch der “ Winter angefangen” bei ca. 25 Grad Celsius laesst es sich aber gut aushalten : )

Viele Gruesse in die Heimat aus Indien,

Eure Steffi

Demnaechst schreibe ich wieder oefter, damit die Beitraege nicht so lang werden.

nach der Arbeit einen Snack

Nach der Feldarbeit, de obligatorische Snack

sonneruntergang auf dem Land

Sonnenuntergang auf dem Feld

auf dem Feld

Das feldteam fuer diesen Tag

so sieht es aus wenn alle auf ein bild wollen

Im Kidscamp, so sieht es aus wenn alle auf ein Bild wollen

happy hearts holiday camp

Lunch im Kidscamp

Markt

Auf dem Markt, Chillis