Als Gummitramps zum Bodensee

GUMMITRAMPS

Für uns als Kenner von „Into the wild“ wurde für die Lumpenbrüder und Schwestern die Definition des Ledertramps immer unseren Fahrten und Touren an die verschiedensten Orte gerecht.
Doch bei dieser Tour wählten wir uns, Henner, Max, Robert und ich (Winnie) einen doch altbewährten, aber für uns neuen Weg, die Kilometer der Asphaltwüsten der deutschen Autobahn zurückzulegen. „Wir wollen TRAMPEN!“ (Gummitrampen, wie man es in amerikanischen Expertenkreisen nennt.) Erzählten wir zu anfangs noch mit stolzem Übermut. Aber das Abenteuer „Gummitramps“ wollte uns als gerade zurückgekehrte Leichtmatrosen auf die Probe stellen…

 

Mit einem guten Schluck angetrunkenen Mutes, dem ersten augustlichen Trullalla (es war der 13. August, Helges Geburtstag) und gefühlter Trueness in den Stiefeln, begaben sich die vier Gestalten auf das erste Rastplatz-, Parkplatz-, Haltebuchtmoped. (Undefinierbar!) Es war eine Ansammlung von Zwangspause-LKW-Fahrern, ein paar durchrauschenden Alleinfahrern, die uns mit typischen „Ich würd ja gerne, kann aber nicht“, oder „muss nächste Ausfahrt raus, Sorry“-Tramper-Blicken straften. Nach mehreren Versuchen, gaben die Schildwedeler auf und beschlossen am nächsten Tag die großen Kilometer gen Süden zurückzulegen. Von der Sonne und stinkender Abgase geknechtet, doch den Enthusiasmus noch immer in den Gesichtern liegend, wurde nicht lange überlegt und ein Grünstreifen zwischen LKW-Ladestation und Autobahnparkplatz zum Schlafplatz umfunktioniert. Dies alles nur wenige Kilometer von den Kasseler Betten entfernt. Nun, auf den 13. August folgt ja für gewöhnlich der 14. Und so wurde mit Pils, Radler und BurgerKing-Burgern das nächste Trullalla eingeleitet. ALLES GUTE, Max! (Bleibt sicherlich ein unvergesslicher Geburtstag! 😉 )

Am nächsten Morgen sollte es das Glück nun besser mit den jungen Weltenbummlern meinen. Zu mindestens mit zwei von ihnen. Ein herzensguter LKW-Fahrer, weichgeredet mit jungendlichem Charme, befreite Max und Winnie schließlich aus der Tramperhölle und brachte sie kurzerhand mit 30 Jahren LKW-Geschichte und Tonnen von gekühltem Blut im Ladeverdeck 20Km weiter zum nächsten Rastplatz. Von hieran hatten Wetter und PKW-Fahrer ein Herz für die müden Reisenden. Und während Team 1 (M&W) stetig vorankamen, war Team 2 (H&R) noch immer in der Hölle gefangen. Mit tramperfreundlicher Weiblichkeit gesegnet, begegnete Team 1 spannendsten Lebensgeschichten, guter Musik und schrägen Gestalten, um irgendwann die erlösende SMS zu erhalten: „Wir sind losgekommen. Sind bald in Würzburg. Robert“ Und so trafen sich die Teams und waren für einen kurzen, gemeinsamen Snack am Würzburger Rastplatz vereint. Für das erste konkrete Ziel hatten die Lumpenbrüder und Schwester Wien angepeilt, doch merken sie rechtzeitig genug, dass der Übermut und die Realität der deutschen Tramperfreunde nicht zusammenpassten. Flexibel und spontan wurde das Ziel umdisponiert und so blieb es zwar der Süden, doch immer noch auf deutscher Seite. Der BODENSEE!

Schnell wieder losgekommen, doch beide Gruppen auf verschiedenen Autobahnen Richtung Wasser transportiert, glaubten sie kaum noch an ein abendliches Wiedersehen. Doch wie es der Zufall so will und das beschißende, zum Glück von Bier spendenden portugiesischen Lastfahrern besiedelte Ulmer Autobahndreieck, ermöglichte eine Konstanzer Wiedervereinigung. So legte Team 1 die letzten zu überwindenden km per Zug nach Konstanz zurück, während Team 2 mit der Fähre den Teich nach K-town überquerte. Sie hatten es geschafft!

 

BODENSEE

Nach der Ankunft und freundlichen Geistern aus der Vergangenheit (Marie und Vanny, zwei Freunde von mir, begrüßten uns spontan am Bahnhof) begann unsere Tour und endete Max‘ Geburtstag mit einem Wumms. Der Hafen bot an diesem sommerlichen Abend nicht nur touristisches Sonnenuntergangsambiente, sondern eine musikalische Darbietung, die passender hätte nicht sein können. Sechs bis sieben junge Leute aus den verschiedensten Nationen, mit Instrumenten, Feuerpois und den schönsten Singstimmen gesegnet, hatten unsere ganze Aufmerksamkeit. Sie verkörperten, dass was wir alle lieben: Musik machen, frei und immer unterwegs sein. Nach dem offiziellen Auftritt beschnupperten wir uns alle ein bisschen und es entstand plötzlich eine verrückte Runde aus unsern Gipsy-Musikern, einer Hippi-Lady, zwei stadtbekannten Straßenbummlern und uns dazwischen, als „so was ähnliches wie Pfadfinder, aber ohne Kinder, joa so wandern und so. Ja, und true, halt, ne?!“ Es wurde gesungen, und erzählt, philosophiert und sich ausgetauscht. Was für ein schöner Abend!

Unser Nachtasyl wurde das Ufer des Bodensees. Ein Meter vor dem Wasser breiteten wir unsere Sachen aus und sanken nach kurzer Zeit in einen beseelten Schlaf, wenn da nicht der nächtliche Besuch des Fuchses gewesen wäre, nicht wahr, Robert? 😉

Die Sonne weckte uns mit ihrer warmen Güte und nach aaliger Morgengrüße genossen wir die großartige Lage des Schlafplatzes und waren nach nur drei Schritten und erfrischenden Ausrufen mit Kopf und Fuss im Wasser.

Von der Hitze und der Schönheit Konstanz‘ betäubt, blieben wir an unserem naja, mäßig abgelegenen Örtchen noch einen Tag, bewegten uns nur wenn wir eine Abkühlung brauchten, und krochen dann auf allen Vieren in den klaren und doch von urindurchsetzten See. Es hätte nicht schöner sein können. Doch dann des Nachts, nach einer gepflegten Runde Bier mit alten und neuen Freunden, versetzte ein doch nicht vorbeiziehender Regen die Szenerie in einen sehr nassen Albtraum. Ja, es wollte kein Ende nehmen, und dann ergoss sich gefühlt der gesamte Inhalt des Bodensees über unsere Klamotten, Felle, Kothenplanen… Doch es dauerte eine Weile bis wir uns eingestanden: Hier können wir nicht bleiben! Also rasch die Sachen zusammengepackt und noch rascher den Weg zurück in die Stadt gelaufen, fanden wir uns im Trockenen und mit einer Tasse Kaffee wieder. Wir nahmen den nächsten Zug und machten uns auf die andere Seite des Sees. Nach Lindau. Kaum waren wir dort angekommen, unsere Gemüter noch von Regen durchnässt, grinste uns die Sonne wieder schadenfreudig entgegen. Die Sachen schnell getrocknet und das Nötigste besorgt, verließen wir das Touristenparadies und kehrten in einem Waldstück ein. Gut gegessen und mit trockenen Planen über unseren Köpfen endete der dritte Tag.

Der vierte Tag kündigte das Ende einer bisher sehr entspannten Tour an. Schon am frühen Morgen machten wir uns auf den Weg. Und bald befanden wir Wanderer uns in den Feldern der deutschen Obstlieferanten. Rechts und links vom Weg standen Apfel-, Trauben- und Birnenbäume. Am Horizont erstreckten sich die Alpen, zu ihren Füßen lag still der Bodensee, um den es wimmelte. Was für ein Panorama! Zwar von der Sonne verlangsamt, denn der Schweiß trieb uns nur langsam voran, verbrachten wir auch die nächsten Tage zwischen Apfelplantagen und Waldgebieten. Wir genossen die Aussichten und tippten hin und wieder unsere Zehen in das große Nass, das Zentrum unserer Reise.

Nach einem gediegenen Abschlussessen und einer strapazenreichen Heimfahrt, erreichten wir nach acht Tagen Sonne (und einer Nacht im Regen) unser Kassel. Schweißgebadet und doch von Freiheit und Natur beflügelt, nahmen wir gedanklich Abschied vom Bodensee, und von einander…