TII- This is India

Wenn das öffentliche Krankenhaus keine Ärzte zur Verfügung hat, die Rikshas nur die Hälfte kosten und die Nonnen ihr Gebet ausfallen lassen, dann spielt Indien im Halbfinale der Cricketweltmeisterschaft gegen Pakistan. Indien im Ausnahmezustand – und das zu Recht- denn sie haben es ins Finale geschafft, in letzer Minute gegen den großen Rivalen Pakistan. Zur Demonstration der Freude packt dann ein jeder Inder das in seinem Haus für jede Gelegenheit gelagerte Feuerwerk aus, Pataki, und lässt alle Nachbarn auch an dem freudigen Ereignis teilhaben. Eine Situation wie sie bei uns nicht mal bei der WM vorkommen würde und deshalb den Terminus TII verdient – This is India!
Nur für unsere Schülerinnen im CVTI war das Cricketspiel gestern eher Nebensache. Denn für 40 von ihnen heißt es heute Abschiednehmen. Was für die meisten von Ihnen bedeutet , dass sie sich wahrscheinlich nie mehr wiedersehen, und ihre unabhängige Schülerzeit nun vorbei ist. Viele werden jetzt arbeiten und Geld für ihre Hochzeit und die Aussteuer sparen, bevor sie dann ein von ihren Eltern geplantes Leben führen, verheiratet werden und Kinder bekommen. Diese Erkenntnis macht vielen Schülerinnen den Abschied wahrscheinlich noch viel schwerer. Trotzdem gab es gestern eine schöne Abschiedsfeier mit Tänzen, Gesang, Dankesreden, die sogar Sister Christine zu Tränen gerührt haben, sowie leckerem Essen. Henriette, Irvina und ich waren damit beschäftigt Abschiedskarten zu schreiben, Poesiealben zu füllen, die man in Indien auch noch mit 25 hat, und Fotos zu drucken. Natürlich hat uns der Abschied auch nicht unberührt gelassen, weil wir die meisten von unseren Schülerinnen wahrscheinlich nie wiedersehen werden. Aber wir hoffen auf Post aus Indien, wenn wir wieder zu Hause sind. Durch den Abgang der NTC-Students, hat sich auch unser Stundenplan geändert und so unterrichten wir jetzt nur noch 3 Klassen pro Tag anstatt 6. Dies gibt uns mehr Zeit den Unterricht und andere Dinge vorzubereiten, und lässt unsere letzten Wochen noch etwas entspannter werden.
Neben dem Abschied von Irvina, einer anderen Freiwilligen aus Neuseeland, den Schülerinnen und einer unser Lehrerinnen gibt es natürlich auch noch jede Menge freudige Sachen zu berichten. So hat mich zum Beispiel die letzten zwei Wochen eine Freundin aus Kassel besucht, und wir haben einen weiteren Teil von Südindien erkundet. Für mich ging es zu Beginn ersteinmal ein paar Tage alleine nach Mumbai, weil Henriette mit Typhus im Bett lag. Ja, auch das ist TII, man kann hier Krankheiten bekommen, die in unseren Breitengraden längst ausgerottet sind. Die Stadt ist noch besser als ich sie mir vorgestellt habe, weil sie Indisches und Westliches vereint, was sich sowohl im kulturellen Bereich als auch in der Architektur der Innenstadt widerspiegelt. Ich habe bei Freunden von Irvinas Familie gewohnt, die mir sehr viele Tipps bei der Stadterkundung geben konnten und mich obendrein noch mit sehr leckerem indischem Essen versorgt haben. Zur meiner Freude besitzen sie nämlich ein Restaurant. Neben der Besichtigung von Hauptattraktionen wie dem Taj Hotel und dem Gate of India, habe ich mich noch auf Märkten verloren, Mumbais dreckige Nebengassen erkundet, europäische Bäckereien und Kunstausstellungen besucht und so viele Tempel und Gotteshäuser verschiedener Religionen gesehen, dass ich sie gar nicht mehr alle aufzählen kann. Sehr angenehm ist auch, dass es in Mumbai eine Straßenbahn gibt und man so dem Smog und den langen Staus entgehen kann. Was für mich allerdings ungewohnt war, waren die ständigen Durchsagen, auf sein Gepäck und das Gepäck anderer zu achten und Auffälligkeiten sofort der Polizei, die an jedem Gleis sitzt, zu melden, um weitere Terroranschläge zu vermeiden. Als multikulturelles Zentrum Indiens ist Mumbai für diese natürlich sehr beliebt und so wurde in den letzten Jahren nicht nur das Taj Hotel angegriffen, sondern auch ein das Café Leopold in der Innenstadt, was sehr beliebt bei Touristen ist, und die Straßenbahn. Insgesamt eine sehr faszinierende, sehr organisierte Stadt für indische Verhältnisse, die ich immer wieder besuchen würde. Von Mumbai ging es dann mit meiner Freundin nach Bangalore, wo wir Henriette und Irvina getroffen haben, um nach Mysore, eine hinduistische Pilgerstadt in Karnataka, zu fahren. Neben Sandelholz, Seide und Räucherstäbchen ist diese auch bekannt für den legalen Konsum von Marijuhana, und dementsprechend sind nicht nur die Touristen sondern auch zum Teil die Inder. Da wäre zum Beispiel unser lieber Rikshafahrer „Master Blaster“, der nicht nur die ganze Stadt mit den Backstreet Boys, Spice Girls und Aqua-Barbiegirl beschallt( in Indien hochmodern, sowie als wären diese Lieder gerade erst auf dem Markt erschienen, aber Männern tragen auch ja auch Schnauzer und Schlaghosen, wen wundert’s also) sondern uns das Rikshafahren beigebracht hat und das beste Gras der ganzen Stadt zeigen wollte. Außerdem haben wir einen Ölmann besucht, der vor 20 Jahren mal Mr. India und Bodybuilder war, sich dann aber zu seiner Spiritualität und Naturverbundenheit bekehrt hat, und Ayurvedaarzt wurde. Wir haben den Mysore Palace besucht, den Königspalast der Stadt, der sehr orientalisch ist, und unser eigenes Holifest gefeiert. Holi ist das hinduistische Frühlingsfest, welches hauptsächlich im Norden Indiens und in Nepal gefeiert wird, da es auch nur dort einen richtigen Winter gibt. In Südindien ist das Fest leider nicht so verbreitet und wird nur unter Freunden und in der Familie gefeiert. Da wir in Mysore aber niemanden kannten, haben wir dann einfach unter uns gefeiert und wurden somit auch gleich zur Touristenattraktion Nummer eins. Nach Mysore besuchten wir die südindischen Berge und Teeplantagen in Ooty, kauften Tee und froren in der Nacht, da es wirklich kalt, aber auch angenehm europäisch in den Bergen war. Im weiteren Verlauf unserer Reise wuschen wir noch Elephanten und Wäsche im Fluss, waren am Strand und hatten dann unser zweites und letztes Zwischenseminar. Bei diesem mussten Henriette und ich feststellen, dass wir in einem ganz anderen Indien zu sein scheinen, als viele unserer Mitfreiwilligen. Diese halten Indien für ein Land voller langsamer, oberflächlicher Menschen, die einem nur freundlich begegnen, weil man weiß ist. Hierzu eine kleine Hintergrunderklärung: Wie ihr wahrscheinlich willst, spielt das Kastensystem in Indien immernoch eine große Rolle. Und da Kaste wörtlich üebersetzt Farbe bedeutet, spielt auch die Hautfarbe eine sehr große Rolle. Je weißer, desto reicher und schöner, weil man ja nicht in der prallen Sonne auf dem Feld arbeitet, und deshalb ist Indien auch voll von Bleichungscremes wie “ Fair and lovely.“ Und als wir aus dem Urlaub kamen haben unsere Schülerin unsere gebräunte Haut sehr erschrocken mit “ Became little black, Miss“, kommentiert.
Es stimmt schon, dass man in Indien somit als Weißer viele Vorteile hat, mehr dazu gleich, aber in Indien sind Gäste grundsätzlich Könige und deshalb finde ich nicht, dass einem nur freundlich begegnet wird, weil man weiß ist. Einen der Vorteile hatten wir zum Beispiel, als vor 1,5 Monaten das große Bidar Musikfest “ Bidar Utsav“ war. Mit unserem indischem Tanz haben wir es beim Casting leider nicht geschafft, uns einen Platz auf der Bühne zu sichern, was uns bei 200 000 Zuschauern aber auch ganz Recht war. Wir wollten aber das Spektakel aber auf keinen Fall verpassen und so sind wir mit ein paar Freunden aus Hyderabad in die Ruinen des Bidar Forts gegangen, um neben Wrestling und Bodybuildern( die in Indien auch noch sehr modern und beliebt sind) auch die musikalischen indischen Größen zu bewundern. Es hat keine fünf Minuten gedauert und wir haben es ohne wirklich irgendetwas dazu beizutragen von der letzen Reihe bis in die VIP Lounge geschafft, in der das Ticket sonst circa 100 Euro gekostet hätte. Die Inder hat es so sehr gefreut, dass ihr Fest vermeintlich auch internationalen Anklang gefunden hat, dass wir nicht nur im Fernsehen sondern auch in der lokalen Zeitung waren. Das war mir vor unseren Schülerinnen und Kolleginnen mehr als peinlich, weil ich nicht die “ Weiße“ sein wollte, die es nur deshalb nach ganz vorne schafft. Diese waren aber ganz begeistert und sehr stolz auf ihre ausländischen Freunde und haben mit mir geschimpft, weil ich auf dem Foto inder Zeitung nicht lächele. Am nächsten Tag wollten wir unsere Hautfarbe dann auch zum Vorteil für unsere indischen Freunde machen und haben uns als deutsche Journalisten ausgegeben, die jeder einen Übersetzer brauchen. Und siehe da, wir haben es immerhin in die Journalistenabteilung geschafft, mit den Indern die hervorragend mitgespielt haben, wenn auch nicht in die erste Reihe. T-I-I eben.
Am letzten Wochenende hatten wir dann noch das Glück, mit meiner Freundin aus Deutschland, eine hinduistische Hochzeit zu besuchen, bei der es nicht nur leckeres Essen gab, sondern am Abend auch mit lauter Musik auf der Straße getanzt und gefeiert wurde. Leider ist das Tanzen in der Öffentlichkeit eher den Männern vorbehalten, und wir kamen eher weniger dazu. Was aber auch ganz gut war, da wir so den betrunkenen, grapschenden Indern etwas entkommen konnten. Lustig anzusehen war das Ganze auch, und bei so viel lauter, guter Musik auf einem fahrenden Traktor ist mir aufgefallen, dass ich doch mal wieder gerne weggehen würde.
Die letzten 2,5 Monate sind angebrochen, auch wenn ich es noch nicht so richtig realisieren kann. Meine Zeit in der Gastfamilie, die sehr schön und entspannend war, ist auch vorbei und die indischen Sommerferien rücken immer näher. Aber heute, 3 Tage nach dem Halbfinaltag, spielt Indien im Finale der Cricketweltmeisterschaft gegen Sri Lanka, und so wie die Mädchen und alle anderen Inder heute für ihr Team gebetet haben, werde ich mich jetzt aufs Daumendrücken konzentrieren.
Viele Grüße ins frühlingshafte Deutschland,
oder wo ihr sonst so seid,

eure Stephi

PS: An alle die jetzt denken, unser Tanzcasting sei ganz umsonst gewesen. Wir hatten noch einen weiteren Auftritt im Bidar Ladies Club, für den wir sogar mit einer Rose und Schokolade honoriert wurden. Was will man mehr ; )

4 Gedanken zu „TII- This is India“

  1. schoener bericht meine liebe und in vielen dingen fuehle ich mich stets an nepal erinnert. so zum beispiel holi und hinduistsche hochzeiten. schoen, mich dir so ein bisschen naeher fuehln zu koennen:)
    auf bald mi guapa,
    ali

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