Indien die Vierte- oder “ Mary“ Christmas

Seit meinem letzten Bericht ist schon wieder so viel Zeit vergangen, dass in Europa der Winter eingekehrt ist und auch in Indien die Weihnachtszeit. Deshalb hier ein Rückblick auf die vergangenen Wochen:
Vor circa einem Monat ist Henriette, ebenfalls eine deutsche Freiwillige, im CVTI angekommen. Eine Tatsache die mich zum einem natürlich persönlich erfreut, besonders weil man sich zu zweit als weiße Frauen doch besser in der Stadt bewegen kann, aber auch für das Projekt sehr nützlich ist, weil man zu zweit einfach mehr Ideen in die Tat umsetzen kann. Ich bin trotzdem sehr dankbar, dass ich die ersten zwei Monate alleine unter all den herzlichen Inderinnen gehwohnt habe, weil man sich so einfach viel schneller einleben kann.
Wir werden jeden Tag aufs Neue von der Herzlichkeit der Inder überrascht und so wurden wir innerhalb kurzer Zeit nicht nur auf unsere erste indische Hochzeit, sondern auch in einen Ashram, sowie zu mehreren Indern nach Hause eingeladen.
Was die Hochzeit betrifft kann man sagen, dass es eine wirklich interessante Erfahrung war, auch wenn zu unserer Enttäuschung nicht wie in all den schönen Bollywoodfilmen getanzt wurde. Am besagten Tag, verließen Henriette und ich früher den Unterricht, nachdem wir von unseren Schülerinnen nicht nur frisiert und geschminkt wurden, sondern auch noch mit allem möglichen Schmuck behangen wurden, welcher wahrscheinlich dank all des Glitzers nicht ganz den deutschen Geschmack treffen würde. Wir sind dann also quasi “ perfekt“ gestylt im Hause von Teacher Rebecca angekommen, deren Schwager heiraten sollte. Schon bei unserer Ankuft fiel uns auf, dass noch keiner der anwesenden Gäste in irgendeiner Art und Weise feierlich aussah, im Gegenteil: Die Frauen liefen in Nachthemdem, welche bis zum Boden reichen, herum, während die Männer noch ihre Unterhemden trugen. Den Grund dafür würden wir aber bald erfahren.
Indische Hochzeiten verlaufen grundsätzlich in mehreren Teilen ab, die die Verlobung im Hauses der Frau sowie des Mannes beinhalten, sowie eine Art Segnung der Braut und des Bräutigams. Die Segnung des Bräutigams , welche bei allen indischen Hochzeiten egal ob christlich oder hinduistisch gleichermaßen stattfindet, wird am Tage der Hochezeit direkt vor der Trauung durchgeführt. Der Bräutigam wird von Kopf bis Fuß mit gelbem Tamarikpuder eingerieben während von den weiblichen Verwandten Segnungen ausgesprochen werden. Am Ende dieser Zeremonie findet soetwas wie eine Farbschlacht statt, das heißt alle Anwesenden werden im Gesicht, sowie in den Haaren mit dem selben Puder eingerieben, sodass am Ende alle gelb sind. Auch wir wurden freundlicherweise Teil dieser Tradition, was zur Folge hatte, dass all unsere Bemühungen und die unserer Schülerinnen uns so schon wie möglich herzurichten quasi umsonst waren, da alle Schminke verlaufen war und auch der Sari und alles etwas von dem kräftigen Gelb abbekommen hatte. Naja immerhin fiel uns dann wie Schuppen von den Augen, warum noch keiner der Anwesenden in Hochzeitsrobe anzutreffen war : ) Im zweiten Teil der Feierlichkeiten werden beide Families des Paares mit unglaublich viel Kleidung beschänkt, bis zu drei neue Saris für Schwester und Cousinen, sowie Hemden und Hosen für die Männer. An sich eine sehr schöne Tradition da alle etwas zu feiern haben. In Indien muss die Familie der Frau aber für alle Kosten der Hochzeit, sowie das neue Haus und die Einrichtung aufkommen, und somit ist dies wie ich finde eine sehr kostspielige Tradition. Diese Tatsache ist auch der Grund dafür, dass es den Ärzten untersagt ist schwangeren Frauen mitzuteilen, ob sie ein Mädchen oder einen Jungen bekommen, da die Rate der Abtreibungen von Mädchen traurigerweise natürlich viel höher ist. Dieses Problem tritt allerdings vermehrt im Norden des Landes auf, wo es jetzt schon wie in China zu einem Mangel an Frauen kommt und sich manchmal zwei Brüder eine Frau teilen. Nach den Feierlichkeiten im Hause des Bräutigams, gingen wir in die Kirche in welcher eine Trauung im Schnelldurchlauf abgehalten wurde und die Hälfte der Inder auch eigentlich nicht zugehört hat und geredet hat. Nach der Trauung schmissen wir Unmengen von Reis, es gab ebenfalls welchen zu Essen und das Paar musste stundenlang auf der Bühne stehen bis alle 400 Gäste gratuliert und ein Foto gemacht hatten. In Indien ist es ebenfalls Gang und Gebe Geld zu schenken, wobei man sich hier nicht die Mühe macht und erst aufwendige Karten schreibt, sondern direkt bei der Familie des Mannes “ bezahlt“. Wir haben jedenfalls viele nette neue Leute kennengelernt, mehrere Babies halten dürfen, da Inder ihre Kinder weiterreichen sie einen Brotkorb, damit sich jeder an ihnen erfreuen kann. Was auch dazuführt, dass indische Kinder viel unkomplizierter sind und sogut wie nie weinen. Außer die die der Anblick meines weißen Gesichtes erschreckt, sowie die Tochter von Teacher Rebecca die bei meinem Anblick immer in lautes Schreien verfällt ; )
Auch im CVTI standen einige Feste an und so haben wir über drei Wochenenden ein Fest der katholischen Kirche “ Infant Jesus“ ( Christuskind) gefeiert, wobei wir 46 km in die nächste Stadt pilgerten. An sich war diese Strecke gut zu bewältigen, da die Landschaft hier nicht bergig sondern nur hügelig ist, aber nach der Hälfte taten mir allmählich doch die Füße weh und ich habe im Gegensatz zu meinen Schülerinnen feste Schuhe getragen. Diese sind nämlich in Flip Flops oder gar barfuß gepilgert. Barfuß- 46 km über heißen Asphalt oder spitze Steine. Die Anstrengungen haben die meisten Inder auch dazu gebracht sauf der Hälte der Strecke einfach ein paar Schmerztabletten zu nehmen oder gar ein paar Spritzen verpassen zu lassen. Von wegen Ayurveda und so, die ist zwar bekannt dauert ja laut den Indern aber viel länger bis sie wirkt und deshalb greift man dann eben zu den chemischen Produkten. Ein sehr trauriges Resultat des mächtigen Einflusses der Pharmaindustrie, die die Menschen natürlich nicht über die Folgen des hohen Medikamentenkonsums aufklärt, da nicht mal Beipackzettel mitgegeben werden müssen, geschweigedenn existieren.
In den selben Monat fiel auch das größte indische Fest,nämlich Diwali. Im hinduistischen Kalender ist es der Beginn des neuen Jahres, wird auch Lichterfest genannt und mit vielen Kerzen und noch mehr Böllern gefeiert. Auch im CVTI haben wir das Fest gefeiert und sind erst morgens mit unserern hinduistischen Schülerinnen in den Tempel gegangen und haben abends einen Kerzentanz aufgeführt, bei dem Henriette und ich auch mittanzen durften. Leider war dieses Fest obwohl es en hinduistisches ist auch vom Katholizimus geprägt und so hat Sister René am selben Abend noch aus der Bibel vorgelesen und alle haben christliche Gebte gesprochen. Es war trotzdem ein schöner Tag, besonders weil es die Schülerinnen bei lauter Musik auch noch geschafft haben die Nonnen zum Tanzen zu bringen.
Sonst hatten wir noch unser erstes Zwischenseminar in den Bergen Kundapurs, ein sehr schön gelegener Ort. Für meinen persönlichen Austausch hat mir das Seminar nicht so viel gebracht, aber es war schön mal wieder aus Bidar rauszukommen und es gab unglaublich gutes Essen. Außerdem waren wir, was in Indien nicht so einfach ist, mal richtig weg in einem indischen Club, in der kleinen Studentenstadt Manipal. Es hat wirklich gut getan mal wieder wegzugehen, leider war die Musik etwas zum amerikanisch und der Tanzstil der dort vertretenen Inder, es waren hauptsächlich Männer, ähnelte einer deutschen Kinderdisko und der Kleidungsstil der wenigen Frauen die da waren, dem der Wolfhagerstraße ( alle Kasseler werden wissen was ich damit meine).

Inzwischen stehen die Weihnachtsferien kurz vor der Tür und wir haben für all unsere Schülerinnen Adventskalender gebastelt und das Weihnachtsprogramm mitgestaltet. Für dieses haben wir den Mädchen ein deutsches Weihnachtslied beigebracht( Stern über Bethlehem) und einen langsamen Walzer in Kombination mit dem Time Warp der Rocky Horror Picture Show. Wir haben viele Eltern unserer Schülerinnen kennengelernt die sehr herzlich waren und so kam es, dass wir mit jeder Familie die wir begrüßten auch etwas essen mussten und am Ende des Nachmittages ziemlich voll waren.Alles in allem ein sehr gelungener Tag, der nur noch vom Student’s Day, welchen wir am Montag feierten, übertroffen werden konnte.
Bei diesem haben Lehrer und Nonnen, Spiele organisiert( wobei ich mit den typischen Pfadisilvesterspielen wirklich punkten konnte) vorgesungen, Theater gespielt und sogar getanzt. Den besagten Aerobictanz hat und Sister Rennie beigebracht, wobei sie dabei wirklich am besten von uns allen aussah. Ein Teil der sogenannten „Christmasmessage“ haben wir dann auch noch im hiesigen Gefängnis präsentiert, wobei man sagen muss, dass die Sicherheitsvorkehrungen sehr locker sind und es wahrscheinlich schwieriger ist, das Haus meiner costaricanischen Gastfamilie zu verlassen, als dieses Gefängnis. Die Wärter haben keine Waffen sondern lediglich einen Schlagstock aus Plastik und die Insassen saßen still und gemütlich direkt vor uns und haben sich die Tänze angeschaut. Viele sahen leider sehr teilnahmslos und traurig aus. Meines Erachtens sind die Gründe für ihre Verhaftung oftmals auch sehr fragwürdig, so lebt zum Beispiel eine Großmutter mit ihrem Enkel im Gefängnis, die des Mordes an ihrer eigenen Tochter beschuldigt wird. Das Kleinkind war aber wohlauf, da es rund um die Uhr von sechs anderen Frauen, die ebenfalls Gefangene sind, beschäftigt und versorgt wid. Gegen Ende haben wir dann noch Essen und Seife verschenkt, immerhin keine Bibeln, und ich glaube die Insassen egal ob Hindus, Christen oder Moslems haben sich darüber gefreut.
Jetzt steht der erste Urlaub in Goa an, den wir auf der Farm von Sister Christines Cousin, Uncle Konrad, verbringen werden. Mal sehen wie es mir unter all den Althippies gefällt. Ich sende euch viele Weihnachtsgrüße aus dem zeitweise auch etwas kalten Bidar.
Kommt gut ins neue Jahr,
Stephi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.